Martersteck-Kreuz

Begeht man den alten Pilgerweg der Lothringer über die Blies (früher mit dem Kahn, heute über die „Fährmannsbrücke“) dem Schweyer Weg leicht ansteigend folgend, wird am Ortsausgang an der Gabelung das „Auswandererkreuz“ sichtbar. Hier beginnt der Alleeweg zum ehemaligen Kloster Gräfinthal. Ihn säumen zuerst Obstbäume, bevor er in eine der wenigen im Saarland noch erhaltenen Ahornalleen mündet. 

An der Brücke über den nur noch wenig Wasser führenden Letschenbach stoßen wir auf ein weiteres Wegekreuz mit einer interessanten Geschichte. Im Volksmund wird es „Martersteck-Kreuz“ genannt. In Archivalien und an Werken der Künstlerfamilie dreier Generationen finden wir verschiedene Schreibweisen des Familiennamens: „Madersteck“, „Martersteck“ oder auch „Mardtersteck“.

Johann-Michel (Hans-Michel) Martersteck kam 1684 aus Neustadt/Franken ins lothringische Buckenheim (Bockenheim, Bouquenum, Boucquenom, heute: Sarre-Union) und heiratete dort im gleichen Jahr die Witwe Anne-Reine Michel. Die zwei Söhne Stefan-Ignaz (*1688) und der für uns bedeutendere Jean, er signierte mit Johannes, (* 24.05.1691, † 15.12.1764 Wölfling/Saargemünd) wurden hier geboren und erlernten den Beruf des Vaters: Schreiner. Sie übten ihr Handwerk zunächst gemeinsam in Buckenheim aus. Johannes war in erster Ehe mit Franziska Kar (Karr) verheiratet. Aus der Ehe stammten Jean-Franҫois (Franz), ebenfalls Schreiner (* 10.06.1711, † 01.1795 Wölfling) und Jean-Louis (Ludwig), der nicht Künstler, sondern Bauer und Metzger wurde. Vater Johannes und Sohn Franz waren als Schreiner, Holzschnitzer, Bildhauer, Altarbauer und Maler des Barock bzw. Rokoko vornehmlich im saarländisch-lothringischen Grenzgebiet tätig und sind bis heute durch ihre Werke bekannt.

Wilhelm Gouvy, 1733 zum Prior von Gräfinthal gewählt, schloss im gleichen Jahr mit Jean Madersteck einen sogenannten „Werksvertrag“ über die Ausschmückung der Klosterkirche. Im Einzelnen handelte es sich um die Erhöhung des Hochaltares und dessen Vergoldung, um die Erneuerung von zwei Engeln am Altar der Prinzessin, um den Bau einer Kanzel und um die Anbringung eines Windfanges zwischen den kleinen Altären. 1753 fertigte Johann Martersteck ein Barockkreuz für Ormesheim, das er auf dem Kreuzstamm mit „J. Martersteck fecit 1753“ signierte. Es ist Ausdruck seiner bildhauerischen Fähigkeiten. Das Kreuz an der Pfarrkirche (Adolf-Graf-Straße), am Beginn des Wallfahrtsweges, ist für uns dahingehend interessant, als es sich ebenfalls um ein Martersteck-Kreuz handelt.

Nach diesem Vorbild wurde sicherlich sechs Jahre später das Kreuz an der Letschenbachbrücke errichtet. Man könnte davon ausgehen, dass es vom gleichen Bildhauer entworfen und gefertigt wurde: Jean oder Johannes. Es zeigen sich jedoch beim Korpus deutliche gestalterische Unterschiede. Der Christuskörper in Gräfinthal hat eine veränderte, gestreckte Form, eine parallele Fußstellung, ein herabhängendes Lendentuch und anstelle der Dornenkrone einen Metallreifen. Leider hat der Künstler dieses Kreuz nicht signiert, bzw. es ist kein Zeichen von ihm erhalten. Mayer (1990) nahm an, dass das Gräfinthaler Wegekreuz von Johannes‘ Sohn Franz Martersteck stammt. Belege dafür gibt es nicht.

Bemerkenswert bei beiden Wegekreuzen: Der Kreuzfuß trägt eine weihevolle lateinische Inschrift, wobei bestimmte Buchstaben durch Übergröße hervorgehoben sind. Es handelt sich um ein sogenanntes Chronogramm. Die Großbuchstaben (Majuskeln) stellen römische Zahlen dar: M = 1000, D = 500, L = 50, V = 5, I = 1. Zählt man sie zusammen, ergeben sie die Jahreszahl der Errichtung mit 1753 für Ormesheim  und 1759 für Gräfinthal. Dafür hat der Bildhauer des Kreuzes am Letschenbach das Wort „NOSTRA“ durch „VERA“ (+5 Jahre) und „LVE“ durch „LVIS“ (+1 Jahr) ersetzt.

Die Berechnung für das Datum der Errichtung lautet wie folgt: I = 1 + V = 5 + L = 50 + V = 5 + M = 1000 + V = 5 + D = 500 + I = 1 + V = 5 + L = 50 + V = 5 + I = 1 + L = 50 + I = 1 + V = 5 + I = 1 + V = 5 + V = 5 + I = 1 + V = 5 + I = 1 + I = 1 + L = 50 + V = 5 + I = 1 ergibt in der Summe 1759.

Zum Vergleich die Texte auf dem Kreuz in Ormesheim und Gräfinthal (in Klammern):

IESV SALVATOR
MVNDI
SPES NOSTRA (VERA) SALVTIS
PLAGIS QVINPVETVI
VITIA NOSTRA LVE (LVIS)

Jesus, Heiland

der Welt

unsre (wahre) Hoffnung des Heils

durch deine fünf Wunden

tilgest du unsere Sünde(n)


Unser Kreuz in Gräfinthal wurde im 2. Weltkrieg sehr beschädigt und danach wieder hergestellt. Die vielen Jahre danach zehrten an der Substanz des Wegekreuzes, was schließlich eine dringende Renovierung notwendig machte. Im Jahre 2009 wurde auf Veranlassung des Fördervereins Gräfinthal das Kreuz abgebaut und im Steinmetzbetrieb der Framaco Kopp GmbH, Bexbach, restauriert und im Mai 2010 wieder aufgestellt. Am 30. Mai 2011 erfolgte während einer traditionellen Bittprozession die Segnung des Kreuzes an seinem ursprünglichen Standort an der Letschenbachbrücke in Gräfinthal durch Pfarrer Ulrich Nothhof und unter zahlreicher Beteiligung der Pfarrgemeindemitglieder.

Text: Verein für Dorfgeschichte Bliesmengen-Bolchen e. V.
Fotos: Dominic Piro, 
Verein für Dorfgeschichte Bliesmengen-Bolchen e. V.